Im Jahre 1906 wurde die Genossenschaft gegründet.

Als im Mai 1898 die Reichsregierung ein Gesetz über Erwerbs- und Wirtschaftsgenossenschaften erließ, war sie von dem Bestreben geleitet, Richtlinien zur Erstellung von gesunden und billigen Wohnungen zu schaffen.

Um die Wohnungsnot auch in Tirschenreuth Herr zu werden, berief der damalige erste Bürgermeister

Alois Fellner, königl. bayer. Hoflieferant
                       (Tirschenreuther Schinken und Rauchfleischwaren)

am 6. Juni 1906 ein Anzahl aufgeschlossener und verantwortungsbewußter Männer zusammen, um im Sinne dieses Gesetzes eine Baugenossenschaft ins Leben zu rufen. Dazu gehörten:

  • Karl Mezger, Rentier
  • Arno Giesecke, Fabrikbesitzer
  • Leopold Bloch, Fabrikbesitzer
  • Karl Kling, Rentier
  • Amadeus Kühn, Brauereibesitzer
  • Johann Maurer, Kaufmann
  • Ludwig Mehler, Rentier
  • Alois Berr, Rotgerbermeister
  • Franz Heldmann, Stadtsekretär
  • Johann Zahn, Kaufmann
  • Rudolf Giesecke, Kaufmann

Der Vorschlag des Bürgermeisters fand allgemein Zustimmung. Die organisatorischen Aufgaben wurden unverzüglich durch die Wahl einer Vorstandschaft und eines Aufsichtsrates in Angriff genommen, die erforderlichen Statuten ausgearbeitet und der Genossenschaft die Bezeichnung

Bauverein zu Tirschenreuth,
eingetragene Genossenschaft mit beschränkter Haftung

erteilt.

Als Vereinsorgane wurden gewählt
in den Vorstand:         Ludwig Mehler
                                     Rudolf Giesecke
                                     Franz Heldmann

in den Aufsichtsrat:    Alois Fellner, als Vorsitzer
                                     Johann Maurer
                                     Arno Giesecke
                                     Karl Mezger
                                     Johann Zahn
                                     Karl Kling
                                     Leopold Bloch
                                     Alois Berr

Schon am 20. Juli 1906 erfolgte die Eintragung unter Nr. 58 in das Genossenschaftregister beim Amtsgericht Weiden.

Nach § 2 des Status war der Zweck der Genossenschaft in erster Linie, so wörtlich, "darauf gerichtet, minderbemittelten Personen gesunde und zweckmäßig eingerichtete Wohnungen in eigen erbauten, angekauften oder gemieteten Häusern zu billigen Preisen zu verschaffen und zwar durch Überlassung zu Miete oder zum Eigentum."

In § 13 wurde der Geschäftsanteil auf 200.- Mark festgesetzt, der entweder gleich oder in monatlichen Raten von 10.- Mark einzubezahlen war.

Mit aller Energie ging man daran, erforderlichen Baugrund zur Verwirklichung der Ziele des neuen Bauvereins zu suchen. Die Stadt begann ja damals durch den steilen Anstieg der Industrialisierung aufzublühen. So wurde die Porzellanfabrik erweitert, die Tonfabrik Wallner, Tuchfabrik Mehler, Walzenfabrik Hamm, Glasfabrik Bloch und Arnstein und das Sägewerk Hübel & Platzer nahmen ihren Aufschwung. Durch die 1903 eröffnete Bahnlinie Tirschenreuth - Bärnau wurden neue Verkehrsmöglichkeiten geschaffen, die zum wirtschaftlichen Aufstieg wesentlich beitrugen. Doch fehlten für den Zustrom von Arbeitskräften die notwendigen Wohnungen. Aufgabe des neugegründeten Bauvereins war es jetzt, zur Behebung der Wohnungsnot den dringend erforderlichen Wohnraum zu schaffen. Der Aufsichtsratsvorsitzende, Bürgermeister Fellner und der Schriftführer, Stadtsekretär Heldmann, entfalteten nun ein rührige Tätigkeit. Bereits am 27. Dezember 1906 wurden von der Pfarrgründestiftung und auch von privater Hand der erste Baugrund im Ausmaß von 0,71 ha zum Kaufpreis von 5.000 Mark erworben. Die Zahl der Genossenschaftsmitglieder wuchs ständig. Am 30. Juni 1906 waren es 14 Mitglieder, im Dezember des gleichen Jahres bereits 49.

Im Jahre 1907 wurden durch Baumeister Fichtl, Kemnath, die ersten Arbeiterwohnhäuser an der Hübelstraße zum Gesamtpreis von 53.000.- Mark errichtet und nachstehenden Bewerbern überlassen:

Theresia Ott bzw. ihrem großjähr. Sohn Karl Ott
Georg Helgert, verh. Prozellandreher
Josef Hiltner, verh. Dampfsägeschlosser
Gottlieb Birner, verh. Dampfsägearbeiter
Josef Sehr, verh. Porzellandreher und
Alois Hecht, verh. Porzellanfabrikarbeiter

Diese Einfamilienhäuser haben dann die Bewohner später käuflich erworben. Während heute der Verkauf von Eigentumshäusern bzw. Wohnungen durch gemeinnützige Bauträger nichts außergewöhnliches darstellt, hat der Bauverein schon damals diese Idee der Eigentumsbildung für Arbeitnehmer praktiziert und somit Pionierarbeit geleistet.